Fördern wir die Lehre!

Die Lehre ist das Stiefkind in Sachen Bildung, denn die Zukunftsfähigkeit und Relevanz dieses Bildungsweges werden leider viel zu oft unterschätzt. 2019 litten 75% der Betriebe unter dem Fachkräftemangel, der sich aufgrund der demographischen Entwicklung in den nächsten Jahren sicherlich weiter verschärfen wird. Wer sich für einen Lehrberuf entscheidet, ist somit am Arbeitsmarkt heiß begehrt. Ich spreche hier aus Erfahrung, denn als Personalleiterin in unserem Familienunternehmen bin ich nicht nur für die Auswahl und Begleitung unserer Lehrlinge verantwortlich, sondern suche stets händeringend nach bereits ausgebildeten Fachkräften. Mit der Förderung der Lehre in Seiersberg-Pirka können wir Bildung und Wirtschaft verbinden und so beide Bereiche stärken. 
 


Mehr Anerkennung für die Lehre 
Um den Lehrberuf attraktiver zu machen, muss dieser Ausbildung endlich das Ansehen zuerkannt werden, das sie verdient. Was können wir dazu auf kommunaler Ebene verbessern? Der erste Schritt ist Bewusstseinsbildung, welche in der Schule beginnt. Die Lehre wird leider nicht immer als gleichwertige Alternative zu einer rein schulischen Ausbildung gesehen. Die Teilnahme an Lehrlingsinitiativen wie dem Girl’s Day, praxisbezogene Schulprojekte zur Lehre und Kooperationen mit Unternehmen helfen nicht nur interessierten Schüler_innen bei der Auswahl des richtigen Lehrplatzes, sondern rücken auch für alle anderen Mitschüler_innen die Lehre ins rechte Licht.  

Auch eine Zusammenarbeit des SOFA (Seiersberg offen für alle[s]) mit Unternehmen wäre eine Möglichkeit, um den Jugendlichen frühzeitig eine praxisbezogene berufliche Orientierung zu ermöglichen. Die Arbeitswelt ist den Lehrlingen von morgen noch fremd und bei aktuell 224 verschiedenen Lehrberufen in Österreich wird der passende Lehrberuf schnell übersehen, selbst wenn die ausbildende Firma gleich um die Ecke ist. 

Ist der passende Lehrberuf gefunden, gibt es auch während der Lehrzeit einige Hürden zu nehmen. Häufig sehe ich ehemals schlechte Schüler_innen in der Lehre zu wahrer Höchstform auflaufen und freue mich besonders, wenn diese Leistung auch außerhalb unseres Unternehmens, nämlich in der Berufschule, erbracht wird. Finanzielle Anreize, wie ein Lehrabschluss-Bonus bei Erlangung eines ausgezeichneten Erfolges, sind eine gute Möglichkeit, um Lehrlinge zu besonderen Leistungen anzuspornen. Anerkennung könnte aber auch eine Rubrik in der Gemeindezeitung schaffen, in welcher die erfolgreichsten Lehrlinge Erwähnung finden. 

Unterstützung bei der Schaffung von Lehrstellen 
In meiner Position habe ich zahlreiche Gespräche mit Bewerber_innen und ihren Eltern geführt. Oft höre ich von den Lehrlingen, dass sie einen Ausbildungsort nahe ihrem Wohnort suchen, denn gerade Minderjährige sind wenig mobil und wohnen noch bei ihren Eltern. Ein dem Wohnort naher Ausbildungsbetrieb ist für sie daher ein wichtiges Kriterium. 

Um die lokale Wirtschaft für die Zukunft stärken und gleichzeitig Arbeitsplätze zu schaffen, ist eine Förderung für die Schaffung von Lehrstellen eine gute Möglichkeit. Diese kann über verschiedene Wege realisiert werden, beispielsweise über 

  • eine kostenlose Veröffentlichung von offenen Lehrstellen in der Gemeindezeitung. 
  • die Rückerstattung der für Lehrlinge während ihrer Lehrzeit abgeführten Kommunalsteuer. Diese kann jeweils jährlich im Nachhinein beantragt und ausbezahlt werden. 
  • eine einmalige Förderzahlung für Schaffung einer Lehrstelle. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist die Schaffung eines Ausbildungsplatzes besonders fördernswert. 
  • einen Bonus für die Weiterbeschäftigung des ausgelernten Lehrlings nach der gesetzlichen Behaltefrist, um die langfristige Sicherung des Arbeitsplatzes zu unterstützen. 

Wer die Lehre in der Gemeinde fördert, der hilft doppelt: Den Lehrlingen, die einen tollen Ausbildungsplatz in der Nähe finden und deren Leistungen anerkannt werden und den Betrieben, die in die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte investieren können und Arbeitsplätze schaffen. 

Anja Herzog